Schlafen Engel?

Diese hoch philosophische Frage beschäftigte uns in der vergangenen Nacht um 2 Uhr 30 im Nieselregen bei 8°C irgendwo im bergigen Nirgendwo. Aber von vorne….

Samstag abend, Partyeinladung zum Geburtstag bei Freunden. Da das Geburtstagskind eine Dreiviertelstunde Autofahrt entfernt wohnt, bilden der Bauleiter, seine Frau, mein Angetrauter und ich eine Fahrgemeinschaft. Die Party ist lustig, Essen und Getränke sind reichlich, die Gespräche amüsant. (Liebe Petra: Ich bin mir nach wie vor nicht sicher, wie ich die Informationen zu meinem ermittelten Aszendenten „Waage“ gewinnbringend und persönlichkeitsfördernd einsetzen soll 😉 )

Kurz nach 1.00 Uhr löste sich die Partygesellschaft auf und drei leicht Angetrunkene und der nüchterne Fahrer setzen sich ins Auto, um die Strecke nach Hause in Angriff zu nehmen. Das Navi zeigt den Weg und gibt eine Dreiviertelstunde Rückfahrt vor. Nach anderthalb Kilometern hören wir dann plötzlich ein seltsames Geräusch am Motor und der Wagen schafft es nicht mehr den Berg rauf. Mein Angetrauter hält den Wagen auf dem Seitenstreifen an und nichts geht mehr. Was tun? Da wir seit Jahren im ADAC versichert sind, liegt es nahe, die gelben Engel anzurufen. Dort versichert man uns Hilfe zu und sagt, dass man versucht, uns innerhalb der nächsten sechzig Minuten einen gelben Engel zu schicken. Eine Stunde warten?!? Na gut, was bleibt uns anderes übrig. Wir stehen also im Nieselregen – übrigens im absoluten Halteverbot – rauchen, scherzen, frieren. Die Reste des mitgenommenen Salates sind unerreichbar für uns – keine Gabel an Bord! Die Zigaretten gehen zur Neige. Ein Polizeiwagen fährt fünfmal in Schrittgeschwindigkeit an unserem warnblinkenden Wagen mit den vier daneben vor Kälte zappelnden Personen vorbei, ohne einmal anzuhalten und nach dem Rechten zu fragen. Freunde und Helfer? Während wir da so rumstehen, kommt ein ADAC-Abschleppwagen vorbei, ohne anzuhalten…. Uns kommen Zweifel, ob die von uns angegebene Adresse, wo wir uns befinden, wirklich richtig ist. Wir schwärmen zu kleineren Erkundungsgängen in die Umgebung aus und stellen fest, dass die weitergegebene Adresse nicht ganz korrekt ist und rufen erneut beim ADAC an. Der nimmt bereitwillig die neue Adresse an und erklärt, dass der benachrichtigte gelbe Engel jetzt gerade in dreißig Kilometer Entfernung aus seinem Bett aufgestanden ist und sich auf den Weg macht. Jetzt erst? Und wieso schlafen Engel eigentlich?

Vierzig Minuten und ein paar Polizeiwagen später kommt ein junger Mann im gelben Auto und fährt nach zehn Minuten wieder, da er den offensichtlich defekten Turbolader nicht reparieren kann. Er verspricht, einen Abschleppwagenfahrer zu schicken. Übrigens: Die Ausstattung eines gelben Engels ist – entgegen den bekannten Fernsehbildern von ihren Einsätzen in riesigen Urlaubsstaus mit Kinderspielzeug etc. – nicht so ausgefeilt: Der hatte nicht mal eine Gabel an Bord!!

Wir ziehen uns ins Auto zurück, hüllen uns in eine Decke und frieren trotzdem. Neben dem unerreichbaren Salat besteht die einzige Verpflegung in diesem Auto ausgerechnet aus Eisbonbons!!! Um nicht zu erfrieren, beschließen wir eine halbe Stunde später, die in der Entfernung leuchtende ARAL-Tankstelle aufzusuchen, uns aufzuwärmen, Kaffee zu trinken, die Toilette zu benutzen. Also rufen wir erneut den ADAC an, um mal nachzufragen, wann denn der Abschleppwagen kommen wird. Leider wird das noch etwas dauern: Der Fahrer ist bereits aufgestanden, hat aber nur den einfachen Abschleppwagen bei sich zu Hause, mit dem man keine vier Personen mitnehmen kann. Also wird er zur Firma fahren, dort den Abschleppwagen abstellen, einen Transporter und einen Autoanhänger beladen und dann sofort zu uns kommen und uns nach Hause bringen. Das kann noch eine Stunde dauern. NOCH eine Stunde?? Naja, was bleibt uns anderes übrig… Wir geben unseren Plan und damit die neue Adresse bekannt.

Wir drehen den Wagen unter Einsatz unseres Lebens auf der Landstraße – wo ist eigentlich die Polizei, wenn man sie mal brauchen kann?!? – und lassen das Auto den Berg bis zur ARAL runterrollen. In Vorfreude auf Heissgetränke und wieder Gefühl in den Zehen, steigt die Stimmung aller Beteiligten. Doch: Das hell erleuchtete blaue (und bestimmt geheizte) Paradies bleibt unerreichbar für uns – nur der Nachtschalter hat geöffnet!!! Die ältere, laut in ihr Headset schnaufende Dame im Paradies hat großes Mitleid mit uns und unserer Situation, kann aber wegen Angst vor Kündigung nicht die Tür für uns öffnen. Das kann doch alles nicht wahr sein!! Also bestellen wir zumindest heiße Getränke, Zigaretten, Schokoriegel und den Toilettenschlüssel. Die Toilette ist zu eng für vier Personen gleichzeitig, aber wir wechseln uns an dem dort installierten Heizkörper ab. Mittlerweile bin ich wieder stocknüchtern, was die Situation nicht einfacher macht. Wie tief bin ich gesunken, um in einer stinkenden, schmuddeligen Zwei-Quadratmeter-Tankstellen-Toilette mit einem Pfefferminztee im Pappschnabelbecher einen Schuh auszuziehen, um den gefühllosen Fuß gegen die Heizung zu drücken?

Auch die seltsamen anderen Besucher in tiefster Nacht an einer Tankstelle im Nirgendwo kann da nur kurzfristig Ablenkung verschaffen – ich erspare Euch die Einzelheiten… Nach einer Stunde telefonieren wir nochmal mit dem netten Herrn Mans vom ADAC – der übrigens Nachtschicht hat und nicht schläft – und fragen beiläufig, wann denn der Abschleppwagen nun zu erwarten sei. Der verspricht, den Fahrer zu kontaktieren und lässt durchblicken, dass der wohl für Orientierungsprobleme bekannt ist…. Zwanzig Minuten später ruft Herr Mans zurück und bestätigt, dass es leider noch was dauern kann, da der Fahrer zwar an der richtigen Straße, aber leider im falschen Ort nach uns sucht. Er ist jetzt aber auf dem Weg. Herr Mans empfiehlt uns den Konsum von harten Alkoholika, um uns warm zu halten, da von uns ja keiner mehr fahren muss! Eine Dreiviertelstunde später kommt der Transporter auf die Tanke gefahren und hat sogar einen Anhänger dabei! Das Aufladen des Autos dauert dann nochmal, da der Fahrer nicht ganz mit der Technik vertraut ist. Aber letztendlich sitzen wir dann alle in diesem Transporter – der nur mäßig beheizt ist – und sind auf dem Weg nach Hause. Kurzfristig brechen wir nochmal in hysterisches Lachen aus, als sich auf der Autobahn ein Polizeiwagen vor uns setzt und ohne Not leicht bremst. Wir erwarten, dass das „Bitte folgen“-Schild aufleuchtet und wir die Nacht mit einer intensiven Polizeikontrolle beenden! Sind Zellen eigentlich geheizt? Aber unsere Freunde und Helfer lassen von uns ab, nachdem sie unser Gespann auf die erlaubten achtzig Stundenkilometer runtergebremst haben. Gegen sechs Uhr Sonntagmorgen treffen wir zu Hause ein, finden sogar einen Parkplatz für den kaputten Wagen und schicken unsere beiden Leidensgenossen mit einem Taxi auf die letzten Kilometer bis zu ihrem Zuhause. Herr und Frau Bauleiter sind heilfroh, dass sie für ihre Tochter für den Abend keinen Babysitter engagiert, sondern das Kind beim Patenonkel über Nacht deponiert hatten. Ich habe dann nur noch eine Wärmflasche und ein Kirschkernkissen ins Bett gelegt und bin mit meinem Angetrauten ins Koma gefallen.

Es ist jetzt Sonntagnachmittag, das Frühstück gegen Mittag ist schmal ausgefallen und jetzt verarbeite ich unsere nächtlichen Erlebnisse mit einem Blogeintrag. Der Bauleiter hat im Laufe der Nacht angekündigt, diverse Beschwerdebriefe zu verfassen. Zuerst war sein Gegner nur der etwas unorganisierte ADAC, aber auch die Polizei, die ARAL, und die Firma meines Mannes, die ja diesen italienischen Wagen als Firmenwagen zur Verfügung stellt, der im Lebensalter von anderthalb Jahren einen Turboladerschaden hat, werden Post von ihm bekommen. Ich bin sicher, er ist schon am Tippen. Das Porto wird ihn in die Schuldenfalle treiben…

Als Fazit dieser Nacht kann ich folgendes Zusammenfassen: Der Aszendent Waage wärmt nicht. Das Paradies leuchtet nicht blau. Gabeln sollten in jedem Auto zur Grundausstattung gehören. UND: Engel schlafen VIEL. Jedenfalls mehr als ihre Kunden.

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Eine Antwort to “Schlafen Engel?”

  1. …. wenn dann nicht deshalb auch der ganze Sonntag „platt“ gewesen wäre. Erst ’ne Mütze voll Schlaf bis zum frühen Nachmittag, dann faul auf dem Sofa und dann wieder ins Bett – schließlich geht’s ja Montags wieder zur Arbeit.

    Dabei wollten wir eigentlich in den Garten (Wetter war ja dafür ideal) und noch ein wenig den „Frühling“ begrüßen!

    Und dat alles wegen einem abgeplatzten Schlauch 😦

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