Liebe Freunde des geschriebenen Wortes!

Auch nach 21 Jahren Bibliotheksarbeit gibt es noch Bibliothekskunden, die mich überraschen können. Ich erzähle die Geschichte aus zweiter Hand – sie ist meiner Mitarbeiterin letzte Woche widerfahren:

Eine Leserin rief an und begann das Gespräch mit den Worten: „Ich habe ein Problem mit einem Buch. Sind Sie da der richtige Ansprechpartner?“ In Erwartung einer Geschichte eines Buchverlustes oder einer Fristüberschreitung bejahte die Kollegin mit den Worten: „Ja, was kann ich für Sie tun?“

Die Dame am anderen Ende beschrieb in aller Ausführlichkeit das Kochbuch, welches sie bei uns entliehen hatte, auch wie sie Rezepte daraus erfolglos nachgekocht hatte. Die Bibliotheksmitarbeiterin, die das Gespräch etwas straffen wollte – auch in einer Bücherei ist manchmal Zeit Geld – fragte nach, ob das Buch beschädigt oder abhanden gekommen wäre. Die Kundin verneinte das empört und fuhr fort, die Rezepte des Kochbuchs schlecht zu machen. Sie erregte sich über falsche Mengenangaben und schlechte Geschmackszusammenstellungen, fehlende Zeitangaben und Bilder, die ihrem Nachkochergebnis nicht ähnlich sahen.

Die verwirrte Kollegin am anderen Ende bedauerte den Misserfolg der Kochversuche und fragte erneut, wie sie denn nun weiterhelfen könne. Die Dame erklärte, dass das Buch aus dem Bestand der Bibliothek entfernt werden müsste, da man sowas ja niemandem zumuten könne. Was man sich überhaupt bei der Anschaffung gedacht habe? Wird denn da nicht vernünftig ausgewählt? Oder ist derart viel Geld vorhanden, dass alle Bücher gekauft werden, die schlimmerweise veröffentlicht werden? Überprüft denn niemand den Inhalt der Anschaffungen? Die Dame war in Fahrt gekommen, so dass die Mitarbeiterin kaum Gelegenheit hatte, eine der Fragen zu beantworten. Sie erklärte, dass es uns leider nicht möglich sei, alle Bücher zu lesen, die wir anschaffen, geschweige denn, alle Rezepte eines Kochbuchs auf Tauglichkeit auszuprobieren. Sie solle das Buch einfach zurückgeben und wir zeigen ihr gerne unser weiteres Angebot in dieser Sparte, in der Hoffnung ein besseres Kochbuch für sie zu finden.

Die Leserin bestand wiederholt darauf, dass das Buch aus dem Bestand entfernt werden müsse, ansonsten würde sie zumindest an die von ihr ausprobierten Rezepte Bemerkungen für nachfolgende – unwissende – Leser schreiben. Die Kollegin war sich nach Beendigung des Gesprächs nicht sicher, ob sie der so enttäuschten Kundin es eindringlich genug klar gemacht hatte, das Buch nicht zu bekritzeln und einfach ordnungsgemäß abzugeben.

Wenn wir unsere Verantwortlichkeit für den Inhalt der Medien, die wir Tag für Tag so unters Volk streuen, derart ernst nehmen, sehe ich Tolles auf mich zukommen und ich werde den coolsten Job der Welt haben: Kochen und backen, basteln, immer die neuesten DVD-Filme gucken, die Welt bereisen, Romane lesen…

Okay, es wird auch hart werden: Bilanzen schreiben, Fliegenfischen ausprobieren, hebräisch lernen, chirurgische Eingriffe vornehmen, physikalische Experimente testen, Musiknoten auf Spielbarkeit überprüfen…

Da der Kunde König ist, muss ich da mal mit der Direktion über eine Aufstockung des Personals verhandeln… 😉

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Eine Antwort to “Liebe Freunde des geschriebenen Wortes!”

  1. Den interessanten Teil der Arbeit hast Du aber außen vorgelassen: In Psychosekten leben, die Schweinereien der Nahrungsmittelindustrie begutachten, Drogen testen, Waffen verschieben… Wenn man als Bibliothekar(in) jede Information aus einem Buch überprüfen muss, dann wäre das der abwechslungsreichste und spannendste Job auf der Welt (und nicht zu vergessen: gefährlich)

    Man sollte eiegentlich annehmen, dass Jemand, der lesen kann, auch verstanden hat, dass es zu jeder Sache verschiedene Meinungen gibt. Anderen schmecken die nach den Rezepturen gekochten Gerichte vielleicht…

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